Picknick an der Grenze

Spielberg Verlag
2019
182 Seiten
10,90 €
ISBN 978-3-95452-736-6

August 1989: Sängerin Kitty wird überraschend für einen Gig am Eisernen Vorhang in Ungarn engagiert – ausgerechnet von ihrer Ex-Band, mit der sie sich drei Wochen zuvor uferlos zerstritten hat. Ihr verhasster Konkurrent Grizzly steht bereits als neuer Sänger fest, ist aber momentan auf Reisen und nicht erreichbar. Kitty muss auf die Schnelle einen brandaktuellen Song schreiben, der ihren Platz am Mikro sichern und der Band zum Durchbruch verhelfen soll.

Was aber am Tag des Paneuropa-Picknicks wirklich passieren würde, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand…

Leseprobe

»Wir hätten unsere Reunion-Tour letztes Jahr machen sollen«, Hias griff sich an die Stirn, »fünfundzwanzig Jahre Europa-Picknick, hallo? Alle Konzerte wären Monate im Voraus ausverkauft gewesen, aber doch nicht nach sechsundzwanzig Jahren. Da kommt nicht mal das Regionalfernsehen.«
Im Nörgeln war Hias Weltmeister, ihm war prinzipiell nichts gut genug; er schlug sogar Speedy um Längen.
»Jetzt fang nicht wieder damit an.« Sepp saß wie angegossen im Sessel; seit ihrem letzten Treffen hatte er gut zehn Kilo zugelegt. Er zog genervt sein Handy aus der Tasche.
»Fünfundzwanzig kann jeder«, sagte Bob, »Sechsundzwanzig ist schon was anderes. Ich finde das originell.« Er hielt ein Tablet hoch und fotografierte in die Runde. »Cheese.« Abgesehen von den grauen Schläfen hatte er sich nicht groß verändert. Die Aknenarben lagen wie ein Schatten auf seinen Wangen.
»Das stellst du jetzt aber nicht auf Facebook«, warnte ihn Hias.
»Doch«, sagte Bob. »Und wer hat’s letztes Jahr vergeigt?«
Kitty war diese Diskussion leid, sie hatte mit den Jungs bereits im letzten Jahr stundenlang am Telefon gestritten, weil alle angeblich zu beschäftigt waren, um sich zu treffen.
Speedy blätterte in der Spex und sah über den Rand seiner Lesebrille auf. »Was schaut ihr mich alle so an?«
»Du hättest deinen Urlaub echt verschieben können«, sagte sie. »In Hawaii wäre es jetzt garantiert wärmer als hier.«
»Ich hatte keine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen, sorry.« Mit den gestylten Haaren sah Speedy aus wie ein gealterter Teeny. »Habe ich das noch nicht erzählt?« Sein linkes Bein wippte nervös.
»Reiserücktrittsversicherung.« Kitty starrte durch die getönte Scheibe. »Wenn dir dein Flug wichtiger war als unsere Tournee.«
»Max schaltete den Scheibenwischer an und fuhr wieder auf die Autobahn. Der Tourbus schnurrte vor sich hin
»Okay, wenn ihr’s unbedingt wissen wollt«, Speedy nahm seine Brille ab, »meine Ex hat ein Kind bekommen, und ich wollte bei der Geburt dabei sein.«
Kitty spürte einen Stich in der Brust, davon hatte er am Telefon kein Wort erwähnt, er hatte sich nur verdächtig bedeckt gehalten, warum er unbedingt nach Hawaii wollte.
Zum Glück war sie damals nicht schwanger geworden. Er war immer noch hübsch, Gitarrespielen hielt einfach jung, vor allem, wenn man sich mit nichts anderem beschäftigte.
»Mädchen oder Junge?« Sie versuchte sich ihn im Kreißsaal vorzustellen, wie er die Hand einer Frau hielt und sie gemeinsam atmeten; aber es gelang ihr beim besten Willen nicht. Speedy gab es einfach nur single.
»Blöde Frage«, sagte Sepp, »ist das wichtig? Wir haben bei unseren Kindern nicht mal einen Ultraschall machen lassen.«
»Wenn’s mich halt interessiert«, entgegnete Kitty.
»Eine Anuhea«, sagte Speedy.
»Ist die Mutter aus Hawaii?«
»Ja.«
»Hast du noch Kontakt zu den beiden?«, fragte Hias skeptisch.
»Schwierig.«
»Dir ist echt nicht zu helfen.« Kitty blies sich eine Strähne aus der Stirn. Wie es wohl ihrer eigenen Tochter gerade im Praktikum ging? Jenny hatte es sich partout nicht ausreden lassen, in den Semesterferien bei dieser NGO mitzuhelfen; ausgerechnet bei der Seenot-Rettung musste sie die Heldin spielen. Auf einem Fischkutter. Als ob sie nicht schon genug eigene Probleme hätte. Wenn sie wenigstens ans Handy ginge, doch Jenny reagierte prinzipiell nicht auf das Klingelzeichen ihrer Mutter. Als sie noch bei ihr gewohnt hatte, war sie oft tagelang nicht nach Hause gekommen. No news is good news, Mama. Kitty sah ihr trotziges Gesicht vor sich. Ob ihre Kollegen dort mit ihren Wutausbrüchen zurecht kamen?
»Was hast du eigentlich aus Hawaii mitgebracht«, fragte Bob, »ich meine musikmäßig?«
»Fusion«, sagte Speedy.
»Wie Fusion?«
»Fusion eben.«
»Alles klar.« Kitty quälte ein pochender Kopfschmerz auf der linken Seite. Hoffentlich fing jetzt ihre Migräne nicht an; das konnte sie momentan überhaupt nicht brauchen. Sie wühlte in ihrer Handtasche nach einer Schmerztablette.
»Wir sollten mal wieder experimentieren, nicht immer den alten Scheiß spielen.«
»Immer?«, entgegnete Bob. »Wann haben wir denn zum letzten Mal den alten Scheiß gespielt.«