WAAhnsinnszeiten

Spielberg Verlag
2009
10,90 €
ISBN 978-3-940609-20-5

1985 scheinen die Würfel für eine atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf gefallen zu sein. Die Biologiestudentin Anna Ferstl wehrt sich, wie die meisten Oberpfälzer, gegen die Zerstörung der Umwelt vor ihrer Haustüre. Zusammen mit ihrem Bekannten Tom ist sie in einer Bürgerinitiative aktiv. Tom hat ein Auge auf Anna geworfen. Aber Anna verliebt sich in den geheimnisvollen Robert, der teils als Linksliberaler, teils als gewalttätiger Autonomer auftritt – und noch in einem ganz anderen Zusammenhang in die Geschehnisse verwickelt zu sein scheint…

Eine packende Liebesgeschichte und ein gründlich recherchiertes Zeitdokument zwischen Bauzaun und Bon Jovi, zwischen Parkas, Stoppt-Strauß-Plaketten und Zauberwürfeln…

Leseprobe

An die hunderttausend Personen waren am Ostermontag in Wackersdorf versammelt; Anna hatte noch nie eine so große Menschenmenge live gesehen. Den ganzen vorigen Tag waren sie im Infobüro mit den Transparenten beschäftigt gewesen: Stoppt den WAAhnsinn, Lasst uns leben – keine WAA Wackersdorf, Ihr baut das Grab für unsere Kinder, verziert mit schwarzgelben Nuklear-Symbolen. Die Leinenbahnen waren an Stöcken befestigt und auf Dauer ziemlich schwer. Annas Hände schmerzten. Sie hielt kurz an und knöpfte sich die Jacke auf.

»Komm, lass mich mal.« Tom löste sie ab.

»Wir hätten beschriebene Schilder mitnehmen sollen«, maulte Anna. »Die wären praktischer gewesen.«

Sie wurden vom Strom der Menge weitergeschoben.

In der Ferne konnte Anna den Stacheldrahtzaun erkennen. Auch das Aufgebot der Gegenseite war riesig, die Polizisten trugen weiße Helme und Schutzschilde, es sah unwirklich aus – Anna musste an Krieg der Sterne denken.

»Ach, die Bundesgrenzschützen sind auch schon da«, kommentierte Tom und zwinkerte Anna zu. Als sie die langen Schlagstöcke bemerkte, wollte sie gleich wieder umkehren, sie verabscheute Gewalt. Gleichzeitig übte das Szenario, das sich vor ihr zusammenbraute, einen Sog auf sie aus, dem sie sich nicht entziehen konnte.

Sanne, Humphy, Johanna, Gitti, Mike, Sepp und Hans von der Bürgerinitiative liefen mit starren Blicken geradeaus. In der Ferne gerieten Polizei und Demonstranten aneinander; eine Handvoll Vermummter machte sich am Bauzaun zu schaffen und sägte an den Gitterstäben.

Tom warf seine hellblonden Haare in den Nacken. Anna sinnierte, dass sich Paula immer noch nicht von der Trennung erholt hatte. Tom zieht in die Schlacht, dachte Anna übergangslos. Wir alle ziehen in die Schlacht. Und sie war mittendrin, es half nicht, dass sie sich diesen Tag anders vorgestellt hatte. Sprechchöre wurden laut, angestimmt vom rhythmischen Geheul der Trillerpfeifen: Maxhütte ja – WAA nein. Eine Lautsprecherstimme schallte über das Gelände: »Gehen Sie vom Zaun weg. Wir müssen sonst Wasser gegen Sie einsetzen.«

Der Zug hielt an, dicht an dicht standen sie in der Menge. Wenig später bewegte sich hinter dem Bauzaun etwas. Anna stellte sich auf die Zehenspitzen und konnte panzerähnliche Fahrzeuge ausmachen, die mit einem länglichen Rohr auf dem Dach ausgestattet waren – es sah gefährlich aus.

»Was ist das?«

Abrupt setzten die Wasserwerfer ein, ein Aufschrei ging durch die Menge, in den vorderen Reihen brach Panik aus. Ein beißender Geruch wehte herüber; Annas Augen juckten, dann fingen sie an zu tränen.

»Gas!«, rief Tom. »Die setzen Kampfgas ein!«

Sie suchten hinter ihrem Transparent Schutz. Direkt in der Nähe riss ein Wasserwerfer eine Gruppe Leute um. Annas Puls raste, sie schaute mit Entsetzen auf ein paar junge Männer, die ihre Hände vors Gesicht schlugen und aufschrien. Das Gelände um den Bauzaun glich einem Schlachtfeld. In kürzester Zeit bildeten sich weißliche Schaumberge; die Getroffenen waren mit einer Schicht überzogen, die groteskerweise aussah wie Kunstschnee für Weihnachtsbäume. Anna drückte sich ihr Palästinensertuch vor die Nase. Das Gas hing in dicken gelblichen Schwaden im Wald; sie würde den Geruch nie vergessen.